Texte großer Mystikerinnen und Mystiker



Klara von Assisi (1193/1194 - 1253)

Stelle Dein Denken vor den Spiegel der Ewigkeit,
stelle Deine Seele in den Abglanz der Herrlichkeit,
stelle Dein Herz vor das Bild der göttlichen Wesenheit,
und forme Deine ganze Person durch die Beschauung in das Bild seiner Gottheit um,
damit Du empfindest, was seine Freunde empfinden,
wenn sie die verborgene Süße verkosten,
die Gott selbst von Anbeginn für die aufbewahrt hat, die ihn lieben. (...)
Liebe jenen mit ganzer Hingabe, der sich um Deiner Liebe willen ganz hin geschenkt hat.
Seine Schönheit bewundern Sonne und Mond,
seine Belohnungen sind unvergleichlich kostbar
und in ihrer Größe ohne Grenzen.

(Klara von Assisi, 3. Brief an Agnes von Prag, 12-16, zitiert nach Klara-Quellen, Zeugnisse des 13. und 14. Jahrhunderts der Franziskanischen Bewegung. Herausgegeben von Johannes Schneider und Paul Zahner, Butzon & Bercker, Kevelaer, 2013, S.86)


Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 - 1273)

Ich bin nicht Christ, nicht Jude,
Heide oder Moslem
nicht Osten noch Westen,
Land oder Meer
Ich bin nicht Natur, nicht Geist,
nicht aus Erde, Wasser, Luft oder Feuer
Ich bin kein Inder, kein Chinese,
kein Bulgare, weder Iraqi noch Khoraser
Ich bin nicht von dieser noch von jener Welt,
nicht Himmel, nicht Hölle
Ich bin weder Körper noch Seele
denn ER ist EINER,
Geliebter,
Erster und Letzter,
Innen und Außen.
Und ich rufe: EINER.
Und ich rufe: ER IST.

(Daniel Liebert, RUMI - Fragments, Ecstacies, Source Books/Missouri 1989, übersetzt ins Deutsche von Ricarda Moufang)


Bonaventura von Bagnoreggio (1221 - 1274)

Willst du aber wissen, wie das (Erleuchtung) geschieht,
dann frage die Gnade, nicht die Wissenschaft;
die Sehnsucht, nicht den Verstand;
das Seufzen des Gebetes, nicht das forschende Leben;
den Bräutigam, nicht den Lehrer;
Gott, nicht den Menschen;
die Dunkelheit, nicht die Helle;
nicht das Licht, sondern jenes Feuer,
das ganz und gar entflammt und durch mystische Salbung
und brennendste Liebe in Gott umgestaltet.
Dieses Feuer hat Christus in uns entzündet.

(Bonaventura, Itinerarium, zitiert nach Ruhbach, Gerhard / Josef Sudbrack SJ, (Hg) Christliche Mystik, Texte aus zwei Jahrhunderten, CH Beck, München, 1989).


Johannes vom Kreuz (1542 - 1591)

Diese Nacht, die mit der Kontemplation zusammenfällt, verursacht zwei Arten von Finsternissen oder Läuterungen in den Vergeistigten, entsprechend den beiden Teilen des Menschen, dem sinnlichen und dem geistigen. Und es wird die eine Nacht oder Läuterung dem Sinnenhaften gelten; darin wird die Seele in ihrem sinnengebundenen Teil geläutert und so dem Geist angepasst. Und die andere ist eine Nacht der geistigen Läuterung, darinnen die Seele nach ihrer geistigen Seite geläutert und entblößt wird, um sie für die Liebeseinigung mit Gott zu befähigen und vorzubereiten. Die Nacht der Sinne ist nicht ungewöhnlich und wird von vielen durchlitten, von den Anfangenden; und von ihr wollen wir zuerst sprechen. Die geistige Nacht wird nur von ganz wenigen durchlitten, und diese sind schon Erfahrene und Gottempfängliche; davon werde ich in der Folge sprechen.
Die erste Nacht der Läuterung ist für die Sinnlichkeit bitter und furchtbar, wie sich gleich erweisen wird. Die zweite ist mit nichts zu vergleichen, so grauenvoll und entsetzlich ist sie für den Geist.

[. . . ]

Diese dunkle Nacht ist eine gnadenvolle Einwirkung Gottes auf die Seele, wodurch sie von ihrer Unwissenheit wie von ihren gewohnheitsmäßigen Unvollkommenheiten, von den natürlichen wie den geistlichen, geläutert werden soll: ein Vorgang, den die Kontemplativen eingegebene Gotterfahrung oder mystische Theologie nennen. In dieser mystischen Erfahrung lehrt Gott die Seele im geheimen und lenkt sie zur Vollkommenheit der Liebe, ohne ihr Zutun, ohne ihre Einsicht in solche eingegebene Kontemplation. Als liebevolle Weisheit wirkt Gott mit übergewaltiger Hoheit auf die Seele ein und schmeidigt sie durch Läuterung und Erleuchtung für die Liebeseinigung mit seiner Gottheit.[. . . ] Warum aber wird das göttliche Licht, das läuternd und erhellend in der Seele die Unwissenheiten tilgt, hier von dieser Seele ((dunkle Nacht)) genannt? Ich antworte: aus zwei Gründen ist diese göttliche Weisheit nicht nur Nacht und Finsternis für die Seele, sondern auch Peinigung und Marter. Nacht ist sie wegen ihrer Erhabenheit, die weit ¨über die Fassungskraft der Seele hinausgeht; als überwahrnehmbar ist sie dunkel. Zum andern ist sie Nacht wegen der Niedrigkeit und Unreinheit der Seele, und darum für sie peinvoll, schmerzhaft und gleichfalls dunkel.
(Johannes vom Kreuz, die dunkle Nacht der Seele, zitiert nach: www.hoye.de/mystik/kreuz.pdf)


Teresa von Avila (1515 - 1582)

Wir wollen nun von der göttlichen und geistlichen Vermählung sprechen.
Diese geheime Vereinigung vollzieht sich
in der allerinnersten Mitte der Seele,
also an dem Ort, wo Gott selber weilt.
Was der Herr hier der Seele in einem Augenblick mitteilt,
ist ein so großes Geheimnis und eine so hohe Gnade,
und das Entzücken, das die Seele dabei empfindet,
ist so übermächtig,
dass ich es mit nichts anderem vergleichen kann
als der Seligkeit im Himmel.
Es lässt sich nichts weiter davon sagen,
als dass die Seele eins geworden ist mit Gott.
Hier ist es, wie wenn Wasser vom Himmel
in einen Fluss oder eine Quelle fällt,
wo alles nichts als Wasser ist,
so dass man weder teilen noch sondern kann,
was nur das Wasser des Flusses ist
und das Wasser, das vom Himmel gefallen;
oder es ist wie wenn ein kleines Rinnsal ins Meer fließt,
von dem es durch kein Mittel mehr zu scheiden ist;
oder aber wie in einem Zimmer mit zwei Fenstern,
durch die ein starkes Licht einfällt:
dringt es auch getrennt ein, so wird doch alles zu einem Licht.
Vielleicht ist es dies, was Paulus mit den Worten meint:
Wer sich mit dem Herrn nährt und an ihn sich hängt,
der wird ein Geist mit ihm.
Damit spielt er wohl auf diese erhabene Vermählung an,
die voraussetzt,
dass Gott durch eine Vereinigung zur Seele gekommen ist.
Darum sagt er: Für mich ist Christus das Leben.
(Teresa von Avila, Innere Burg, zitiert nach Ruhbach, Gerhard / Josef Sudbrack SJ, (Hg) Christliche Mystik, Texte aus zwei Jahrhunderten, CH Beck, München, 1989, S. 298-99)


Angelus Silesius (1624 - 1677)

Gott wohnt in einem Licht
zu dem die Bahn gebricht:
Wer es nicht selber wird,
der sieht ihn ewig nicht.

Halt an, wo läufst du hin
der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo
Du fehlst ihn für und für.

Bist du aus Gott geboren
so blühet Gott in dir
und seine Gottheit ist
dein Saft und deine Zier.
(Angelius Silesius (Johannes Scheffler): Cherubinischer Wandersmann. Kritische Ausgabe. Hrsg. von Louise Gnädinger. Stuttgart 1985, I,72)


Teilhard de Chardin (1881 - 1955)

Emmanuel, Gott mit uns -
das ist das tiefste Postulat der menschlichen Intelligenz.
Wir wollen Gott mit uns
als den Träger, das Zentrum, die Seele unserer Welt -
nicht mehr den Gott, der außerhalb unserer Masse existiert
und mit uns juridisch verkehrt.
(Teilhard de Chardin im Jahre 1917, zitiert nach Gerhard / Josef Sudbrack SJ, (Hg) Christliche Mystik, Texte aus zwei Jahrhunderten, CH Beck, München, 1989, S. 471-478)

Wir spüren Gott überall, wie den Atem.
Wir intensivieren ihn um uns herum, indem wir die Welt vergeistigen.
Wir können also im Herzen des Universums Gott betasten.
Die kosmische Liebe kann als Vermittler dienen,
um die personale Liebe zu vergöttlichen.
Sie ist ein privilegierter Punkt der Vergöttlichung der Gefühle.
(Teilhard de Chardin im Jahre 191, zitiert nach Gerhard / Josef Sudbrack SJ, (Hg) Christliche Mystik, Texte aus zwei Jahrhunderten, CH Beck, München, 1989, S. 471-478)


Edith Stein (1891 - 1942)

Wer bist du, süßes Licht, das mich erfüllt
und meines Herzens Dunkelheit erleuchtet?
Du leitest mich gleich einer Mutter Hand,
und ließest du mich los,
so wüsste keinen Schritt ich mehr zu gehen.
Du bist der Raum, der rund
mein Sein umschließt und in sich birgt.
Aus dir entlassen, entsänk' es
in den Abgrund des Nichts,
aus dem du es zum Licht erhobst.
Du, näher mir als ich mir selbst
und innerlicher als mein Innerstes
und doch untastbar und unfassbar
und jeden Namen sprengend:
Heiliger Geist - ewige Liebe!
(Edith Stein, Gesamtausgabe, Band 20, Geistliche Texte II, Herder Verlag, Freiburg, 2007, S. 39)


Thomas Merton (1915 - 1968)

Das Innere Selbst ist so verborgen wie Gott
und entzieht sich wie Gott jedem besitzergreifenden Zugriff.
Es ist das Leben, das nicht ergriffen
und wie ein Objekt analysiert werden kann.
Eine normale geistige Erfahrung gibt in ihrer Tiefe
nur einen abgeleiteten Eindruck vom Inneren Selbst.
Sie erinnert nur an die verschütteten Tiefen
der Innerlichkeit unserer geistlichen Natur
und an unsere Hilflosigkeit, sie zu erforschen.
(Thomas Merton, Letzter Brief, zitiert nach Ruhbach, Gerhard / Josef Sudbrack SJ, (Hg) Christliche Mystik, Texte aus zwei Jahrhunderten, CH Beck, München, 1989, S. 504-508)

Weil unser innerstes Ich das vollkommene Bild von Gott ist,
findet man, wenn das Ich wach werde,
in sich selbst die Gegenwart von dem, dessen Bild es ist.
Gott und die Seele scheinen nur ein einziges Ich zu haben.
Sie sind, durch göttliche Gnade, derart, als wären sie eine einzige Person.
Sie atmen und leben und handeln als ein einziger.
Keiner, der zwei ist dem andern Objekt.
(Thomas Merton, Letzter Brief, zitiert nach Ruhbach, Gerhard / Josef Sudbrack SJ, (Hg) Christliche Mystik, Texte aus zwei Jahrhunderten, CH Beck, München, 1989, S. 504-508)

Das mystische Leben
gipfelt in einer Erfahrung von Gottes Gegenwart,
die jede Beschreibung übersteigt und die nur möglich ist,
weil die Seele völlig in Gott umgeformt
und sozusagen ein Geist mit ihm geworden ist.
Es ist das Erwachen des Logos in uns:
eine gewaltige Bewegung des übernatürlichen und göttlichen Lebens.
"Weil Gott alle Dinge durch seine Kraft in Bewegung setzt,
tritt zugleich mit ihm alles, was er tut, zutage,
so dass er in ihnen und sie in ihm
fortwährend in Bewegung zu sein scheinen.
Die Seele hat den Eindruck, dass er sich bewege und erwache,
während sie bewegt und aufgeweckt wird".
(Thomas Merton, Letzter Brief, zitiert nach Ruhbach, Gerhard / Josef Sudbrack SJ, (Hg) Christliche Mystik, Texte aus zwei Jahrhunderten, CH Beck, München, 1989, S. 504-508)


Thich Nhat Hanh (*1926)

Der Klang des Lotos-Sutra, bei Nacht rezitiert, erschüttert die Galaxien.
Morgens wachte die Erde auf, und ihr Schoß war voller Blumen.
Wer immer ihren Namen anruft (1), ihr Bildnis ansieht
mit vollkommen gesammeltem, reinem Geist,
wird fähig sein, das Leiden aller Welten zu überwinden.

Treffen wir auf Skorpione und giftige Schlangen,
die Feuer ausströmen und giftiges Gas,
dann rufen wir die Stärke von Avalokita an -
und sie verschwinden, die Luft wird klar.

Alle Lebewesen, in Verzweiflung befangen,
niedergedrückt von unendlichem Leiden,
werden auf zehntausend Weisen gerettet
von der wundervollen Kraft ihres Verstehens.

Ausdruck der Wahrheit, Ausdruck der Reinheit,
Ausdruck unbegrenzten Verstehens,
Ausdruck der Liebe, Ausdruck des Mitgefühls -
all dies sollte stets verehrt und geübt werden.

Im Gerichtssaal, auf Anklagebänken,
auf den Feldern inmitten von Kriegen
rufen wir die Stärke von Avalokita an -
und unsere Feinde werden zu Freunden.

In Dankbarkeit verneigen wir uns
vor der, die all diese Tugenden hat,
die auf die Welt sieht mit Augen des Mitgefühls -
ein Meer des Wohlergehens ohne Grenzen.

(1) Gemeint ist der Name der Avalokita - Buddha der 1000 Arme - Mitgefühl) Thich Nhat Hanh, Das Universelle Tor (Samanta Mukha, aus dem Lotus-Sutra/Saddharmapundarika-Sutra - Kinh Phổ môn, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Ricarda Moufang)


TAGESEVANGELIUM

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich sage euch: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch vor den Engeln Gott Mehr...
Lk 12,8-12